Reger Radverkehr an einem sonnigen Morgen in Wien.

„Ein Radausflug wirkt stimmungsaufhellend und antidepressiv“

Dr. Piero Lercher ist Sport- und Präventivmediziner und organisatorischer Leiter des Public Health-Lehrgangs der Medizinischen Universität Wien. Im Interview spricht er über die Folgen von Bewegungsmangel in unserer Gesellschaft und warum auch aus medizinischer Sicht die Menschheit mehr Radfahren sollte.

Herr Dr. Lercher, Bewegungsmangel ist ein immer wiederkehrendes Thema, wenn es um die gesellschaftliche Gesundheit geht. Bewegt sich unsere Gesellschaft tatsächlich zu wenig?
Die Bewegungsarmut hat mittlerweile dramatische Formen angenommen und die Folgeerkrankungen steigen drastisch. Kaum jemand weiß, dass mittlerweile in den industrialisierten Ländern die Todesrate durch Bewegungsmangel ähnlich hoch ist wie jene durch Alkoholmissbrauch. Laut aktuellen Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben jährlich weltweit 3,3 Millionen Menschen durch Alkoholsucht und 3,2 Millionen an den Folgen von Bewegungsmangel. Weltweit sind bereits 42 Millionen Kinder unter fünf Jahren fettleibig und geschätzte 84 Prozent der Jugendlichen betreiben zu wenig Sport – diese Kinder und Jugendlichen sind die Erwachsenen von morgen.

Warum ist regelmäßige Bewegung so wichtig?
Der gesundheitliche Nutzen von regelmäßiger körperlicher Aktivität betrifft den ganzen Körper, die Wirkung ist beinahe umfassend. Das Herz-Kreislauf-System wird trainiert und der Bewegungsapparat leistungsfähiger. Der Energieumsatz steigt, der Fett- und Zuckerstoffwechsel verbessert sich, die Immunabwehr und Gehirnleistung verbessern sich und das Risiko hinsichtlich vielerlei Erkrankungen sinkt – darunter auch Krebs, Demenz oder Depression. Der einzige Nachteil dieser „Therapieform“ ist, dass man sie selbst durchführen muss. Und zwar tagtäglich – Woche für Woche, Jahr für Jahr, ein ganzes Leben lang!

Sind positive Effekte schon bei einer täglichen Radfahrt zur Arbeit von – sagen wir ca. 15 Minuten – zu erkennen?
Kleine Bewegungseinheiten – die regelmäßig und über einen langen Zeitraum durchgeführt werden – haben keinen herausragenden Trainingseffekt, sind aber absolut empfehlenswert. Ambitionierte Sportler müssen natürlich strukturierter und intensiver trainieren, aber auf die Gesundheit und insbesondere auf das körperliche und psychische Wohlbefinden wirkt sich das tägliche zur Arbeit radeln allemal positiv aus.

Sollte man – im Sinne der Volksgesundheit – das Radfahren, gerade im Alltag, stärker fördern?
Es sollten generell die Bedingungen für ein optimales Bewegungsverhalten gefördert werden. Insbesondere in städtischen Gebieten wird der Bewegungsraum zunehmend den Immobilienentwicklern „geopfert“. Freiflächen und Naturlandschaften – oder auch Infrastruktur für RadfahrerInnen – müssen in der Werteskalierung wertvoller als Immobilienprojekte werden, dann brauchen wir uns nicht mehr so viele Sorgen hinsichtlich bewegungsarmutsbedingten Störungen der Volksgesundheit machen. Wenn Kinder einen Bewegungsraum bekommen, dann „erobern“ sie diesen spielerisch mit Bewegungsmaßnahmen. Gleichzeitig ist klar, dass Bewegung in käfigähnlichen Spielanlagen oder auf zubetonierten Flächen den Kindern keinen Spaß macht und sie ein Sofa als gemütlicher wahrnehmen.

Kann man auch „falsch“ Radfahren – gerade im Hinblick auf das Rad als Sportgerät? 
Das kann man tatsächlich. Eine falsche Sitzposition oder auch eine falsche Intensität des Tretens kann zu gesundheitlichen Problemen führen. Auch die hohen Geschwindigkeiten, besonders wenn man das Sportgerät nicht beherrscht oder dieses schlecht gewartet ist, darf man nicht unterschätzen. Der richtige Umgang mit dem Sportgerät, die richtige Einstellung und Wartung des Fahrrades sind daher genauso wichtig, wie eine sportärztliche Untersuchung zur Ermittlung der individuellen Trainingsparameter. Den Sportarzt bzw. die Sportärztin des Vertrauens findet man österreichweit unter: www.sportmedizingesellschaft.at. Wenn diese Voraussetzungen geben sind, kann man sagen: Radfahren – gehört – besonders in der Natur – zu den schönsten Bewegungserlebnissen.

Wie wirkt sich Radfahren auf die Psyche aus? Gibt es dazu Erkenntnisse?
Schon in alten Zeiten sagte man „mens sana in corpore sano“ – ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper – das trifft auch auf die Radfahrer absolut zu! Die aktuelle Studienlage untermauert eindrucksvoll den positiven Effekt der regelmäßigen körperlichen Aktivität auf die Psyche. Man kann also zusammenfassen: ein Radausflug in der Naturlandschaft, sei es entlang eines Flusses, sei es in einem städtischen Grüngebiet oder in unserer wunderbaren Bergwelt wirkt stimmungsaufhellend und antidepressiv.

Piero Lercher MedUni Wien_Matern

1 Kommentar

Reinhard Fischer sagte am 04.09.2018, 10:25:
Es ist ziemlich plausibel, dass "...auch aus medizinischer Sicht die Menschheit mehr Radfahren sollte". Meine Frage dazu: "Gibt es Untersuchungen, die Umwelteffekte in diese Sichtweise quantitativ mit einbeziehen? Oder anders formuliert: "Kann es sein, dass z.B. in Stadtgebieten Ultrafeinstaub bis PM 2.5 oder Nox, ... den positiven Effekt zunichte machen und sogar der gesundheitsschädliche Effekt (derzeit noch) überwiegt? Allein die momentane Dieseldiskussion in den Städten lässt derartiges nämlich befürchten?
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