Reger Radverkehr an einem sonnigen Morgen in Wien.

Velo-city-Konferenz: Radverkehr für Städte so aktuell wie nie zuvor

Die große Velo-City-Konferenz hat vergangene Woche in Nantes stattgefunden. Die Fachkonferenz rund ums Fahrrad zeigte in diesem Jahr eindrucksvoll, dass immer mehr Städte die Lebensqualität erhöhen und die Dominanz des motorisierten Verkehrs zurückdrängen.

Bei der Velo-city-Konferenz treffen sich alle zwei Jahre in Europa Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und NGOs. Am Rande der Konferenz tagen zusätzlich internationale Netzwerke, wie jene der „Cities for Cycling“ oder der „Scientists for Cycling„. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben in ihren Städten punkto Radverkehr trotz zunehmendem Rückenwind noch immer mit Widerständen zu tun. Das dürfte ein Grund für die spezielle Atmosphäre sein, durch die sich die Konferenz auszeichnet.

Nantes_radweg_mitte

Die Gastgeberstadt Nantes zeigt auf

Die Austragungsorte der Konferenzen werden unter anderem danach ausgewählt, ob sie eine starke Strategie für mehr Radverkehr verfolgen. In Nantes ist dies offensichtlich der Fall. Eine verkehrsberuhigte Zone in der Innenstadt nach dem Vorbild italienischer Städte wie Florenz: Es sind lediglich Anrainerverkehr, Öffis, Lieferverkehr erlaubt. Das schafft Platz für Radverkehr, Öffis und Zufußgehen. Auf einer Hauptachse durch die Stadt wurde der Radweg in die Mitte der Straße gelegt, was Radfahrerinnen und Radfahrern das Gefühl gibt im Zentrum zu stehen. Diese Lösung hat im Vergleich zu seitlichen Radwegen meiner Beobachtung zu Folge sowohl Vorteile als auch Nachteile.

Zwischen den Jahren 1993 und 2012 konnte die Verkehrsbelastung auf der Hauptstraße im Zentrum von rund 20.000 Kfz auf 5.000 Kfz pro Tag verringert werden. Im Zuge der Verkehrsbeschränkung wurden konsequent auch sechs Tiefgaragen zu Fahrradgaragen für Anrainer umgewandelt.

Nantes_garage

Beeindruckend ist auch wie durchgehend das Rechtsabbiegen bei Rot, das in Frankreich rechtlich erlaubt ist, umgesetzt wurde. An 400 Ampeln wurde die Zusatztafel montiert. Ich konnte auf meinen Fahrten durch Nantes damit keinerlei Konflikte oder Probleme feststellen. Der Radverkehrsanteil liegt bei rund fünf Prozent. Bemerkenswert ist, wie zahlreich Lastenfahrräder unterwegs sind. Und natürlich gibt es in Nantes wie auch in Wien noch vieles zu verbessern für mehr Radverkehr.

Nantes_rechts_abiegen

Unterschiedliches Tempo beim Umbau von Städten

Immer wieder wurde in Vorträgen darauf verwiesen, dass es bei der Umgestaltung von Städten für mehr Radverkehr weniger hilfreich ist auf das Fahrrad und Radinfrastruktur an sich zu fokussieren. Vielmehr gilt es den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und ein Bild von einer Lebensqualtität zu schaffen, zu der eben auch wesentlich Menschen gehören, die mit dem Fahrrad unterwegs sind. Die Schweizer Urbanistin Sonia Lavadinho hat bei der Konferenz darauf hingewiesen, dass der Stadtumbau in Amerika und anderen Städten außerhalb Europas derzeit schneller vorangige als am „alten Kontinent“, der stark an der Vergangenheit hängen würde. Beispiele für raschen Umbau wären New York und Buenos Aires.

Interessant war auch die Einschätzung des Mobilitätsexperten Michael Koucky aus Schweden. Er meinte angesichts der Tatsache, dass in Wien und Kopenhagen der Anteil des Autoverkehrs am Modal Split etwa gleich hoch wäre, dass Wien nun deutliche Vorteile gegenüber Kopenhagen hätte. Denn während für die weitere Stärkung der nachhaltigen Mobilität in Kopenhagen nun die teuren Investitionen in Öffentlichen Verkehr nötig wären, sei Wien in diesem Bereich viel weiter und könne auf den vergleichsweise günstigen Radverkehr setzen.

Lastenfahrräder am Vormarsch

Ob für gewerbliche Zwecke oder für Einkauf und Kinder, Lastenräder erfreuen sich europaweit zunehmender Beliebtheit. Eigene Diskussionsrunden auf der Konferenz haben sich diesem Thema gewidmet. Die zunehmende Bedeutung der Lastenräder bestätigt auch die Stadt Wien in der im Dezember erfolgten Festschreibung der Lastenrad-Förderung im Fachkonzept Mobilität. In Wien ist jetzt nach dem ersten Aufschwung des Lastenrades wohl die richtige Zeit gekommen um bei Lastenrädern mitMaßnahmen aktiv zu werden. Die Mobilitätsagentur wird dazu Empfehlungen erarbeiten. Eine großartige Initiative gibt es in Nantes selbst. Dort haben sich Handwerker und Dienstleister wie etwa Installateure, zu den „Les Boîtes à vélo“ , auf Deutsch „Kisten am Fahrrad“ zusammengeschlossen. Sie radeln mit mit Lastenrädern zu ihren Kunden. Vor dem Konferenzgelände selbst gab es Eis, Kaffee oder Hot Dogs aus Lastenrädern.

Nantes_lastenrad

Fahrrad-Schnellverbindungen als wichtiges Thema

Bei der Eröffnung der Konferenz hat Michael Cramer, Europaabgeordnter und Vorsitzender des Verkehrsausschusses im EU-Parlament darauf hingewiesen, dass beim Radverkehr für Investitionen noch immer hart gekämpft werden müsse, während etwa beim Ausbau von Häfen für Kreuzfahrt-Schiffe schnell Gelder freigemacht würden. Nicht immer sind aber finanzielle Ressourcen ausschlagend, wie wir auch in Wien feststellen mussten. Oftmals sind Projekte aufgrund unterschiedlicher Interessen und knappem Raum schwer umsetzbar. Überraschend war dabei, dass selbst Kopenhagen mit Umsetzungsproblemen bei den Fahrrad-Schnellverbindungen vermehrt wegen Widerständen der Anrainer zu kämpfen hat.

Anbieter von Leihradsystemen zeigen Präsenz

Die Anbieter der weltweit größten Leihradsysteme haben in Nantes ihre Systeme präsentiert. International sind Leihradsysteme am Vormarsch, es gibt sie bereits in mehr als 600 Städten. Einmal mehr wurde deutlich, dass Stationsabstände von 300 bis 400 Metern optimal für häufige Nutzung sind. In Wien beträgt der durchschnittliche Stationsabstand derzeit rund 700 Meter. Auch der Ausleihvorgang lässt sich in Wien vereinfachen, wie am Bicloo-System in Nantes deutlich wurde. Eine Passworteingabe am Touchscreen ist dann nicht mehr nötig.

Den gezeigten Modellen mit Elektromotor stehe ich für Wien skeptisch gegenüber. Einerseits wegen der deutlich höheren Kosten, andererseits wegen Problemen der Akkuladung bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Ich habe auch die Gelegenheit genutzt mit dem Leiter des Wiener Citybike-Systems Hans-Erich Dechant einen Rundgang zu machen, um Verbesserungsmöglichkeiten am Fahrradmodell in Wien auszuloten. Der mögliche Ausbau und die Weiterentwicklung des Leihradsystems in Wien wird wohl Thema der künftigen Stadtregierung sein. Inhaltlich sind wir auf das Thema vorbereitet.

nantes_leihrad

Wien in aller Munde

Die Velo-city-Konferenz in Wien vor zwei Jahren hat offensichtlich Eindruck hinterlassen und ist in bester Erinnerung geblieben. Ich wurde von zahlreichen Teilnehmern überaus positiv darauf angesprochen. Selbst bei der Eröffnung der Konferenz in Nantes wurde die Wiener Konferenz hervorgehoben.

Aus Wien kamen in diesem Jahr auch wieder zahlreiche Beiträge. Sowohl von der Radlobby (Migrantinnenkurse,…) als auch von der Stadt Wien (Haltestellenlösung auf der Ottakringer Straße, Mariahilferstraße,…). Vom Unternehmen bike citizens wurde die Kooperation mit der Stadt Wien für das Gratis-Städtepaket als Positivbeispiel erwähnt. Die Vernetzungsplattform Radkompentenz Österreich hat sich erstmals vorgestellt.

Rechtzeitig zum Zusammentreffen der Radfachleute wurde auch der aktuelle Copenhagenize-Index der fahrradfreundlichsten Städte weltweit veröffentlicht. Wien ist dabei wieder unter die ersten 20 vorgestoßen und belegt Platz 16. Das Fahrradmarketing in Wien wird darin so beschrieben: „the city is one of the best on the planet to market urban cycling for the mainstream and to host events that appeal to regular citizens as opposed to sub-cultures“. Wir verstehen diese Platzierung auch als Auftrag für die nächsten Jahre Akzente bei der Radverkehrsinfrastruktur zu setzen.

3 Kommentare

Kurt Enenkel sagte am 17.06.2015, 10:47:
Es wäre interessant zu erfahren, in welchen Städten die Bürgermeister/innen Rad fahren. Man weiß es von Rom (Ignazio Marino), man weiß es neuerdings von Madrid, ...
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Marion sagte am 16.07.2015, 16:32:
Also es steht aber auch a bissl mehr in dem Kapanhagen Index... In Wien geht man das Thema Radfahren viel zu lahm an, viel zu viel Zeit zum irgendwie diskutieren und dann mach ma nur a bissl was, damit eh net zu viel verändert wird... wovor hat die Stadt eigentlich Angst? Gutes Beispiel sind die Citybike Stationen. Warum in Gottes Namen kann man die nicht schon längst in Transdanubien aufstellen. Welche Technokraten verhindert dies, und was sind die Argumente? Es ist hoch an der Zeit mehr und gezielter Änderungen vorzunehmen. Man kann nicht immer nur diskutieren und Marketing machen... Just do it folks, there is nothing to lose! except some crazy car drivers ;)
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Peter sagte am 20.07.2015, 16:08:
es stimmt es ist teilweise wirklich lahm. Geredet und geredet und nochmals diskutiert und am Ende ist jeder frustriert dass nur irgend ein lauwarmer Kompromiss rausgekommen ist, denn man kann ja die ach so armen Autofahrer nicht vor den Kopf stoßen... und was ist der Dank.. Lärm, Dreck, Gestank und Aggressive Autorowdies :( Hier muss mehr getan werden, Wien darf ja bitte nicht zu Chicago werden!!!
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