Rio fährt Fahrrad

“Die pinken Räder gehören dazu”- Rio, ImPulsTanz

Rio Rutzinger radelt, seit er denken kann – zuerst in Oberösterreich, jetzt in Wien. Er arbeitet im künstlerischen Leitungsteam von ImPulsTanz, dem Festival für zeitgenössischen Tanz. Deren pinke Fahrräder prägen im Sommer Jahr für Jahr das Stadtbild.

Wie oft benutzt Du das Rad in Wien?

Täglich. Ich komme aus einer autolosen Familie in Oberösterreich. Wir waren 5 Menschen und haben meistens sieben Räder gehabt. Ich bin aufgewachsen mit dem Radl, war in Braunau teilweise auch Briefträger und bin dort viel mit dem Rad gefahren. Ende der 80-er Jahre bin ich dann nach Wien gekommen und war hier vier Jahre lang Fahrradkurier bei Veloce. Das war noch die Zeit, in der es keine E-Mails gab, und wir hatten dementsprechend viele Kunden. Auch in Wien bin ich also schon immer alles mit dem Rad gefahren, auch im Winter. Ich sehe es auch als eine Art Workout, jeden Tag mit dem Rad zu fahren. In der Hoch-Zeit in meinem Job sitze ich ca. 3h am Tag am Radl.

Rio lehnt an seinem Fahrrad

Durch deine Arbeit bist du in Zeiten ohne Pandemie ja auch viel auf Reisen. Wie schneidet Wien da im Vergleich mit anderen Städten ab, was das Radfahren und die Infrastruktur angeht?

Als ich eine Zeit lang in New York gelebt habe, war es schon eine andere Challenge, dort das Rad zu benutzen. Sowohl von der Intensität des Verkehrs, als auch von der Straßenbeschaffenheit her. Brüssel und New York haben beispielsweise  irrsinnig schlechte Straßen und viel unrepariertes Kopfsteinpflaster. In der Nacht muss man da wegen Schlaglöchern sehr aufpassen.

Ich bin groß geworden in Zeiten des Bürgermeister Zilk, der selber mit dem Rad zur Arbeit gefahren ist. Er hat die Fahrradwege sehr vorangetrieben. Wien ist von der Größe her eine tolle Stadt zum Radfahren, hat aber leider eine mutlose Verkehrspolitik. Man traut sich nicht, den Autofahrern etwas wegzunehmen, und man nimmt eher den Fußgängern Platz weg, wenn man Infrastruktur für Radfahrende schafft. Dementsprechend spielt man die beiden schwächeren Verkehrsgruppen gegeneinander aus. Ich ärgere mich sehr oft, vor allem am Ring bzw. an Plätzen wo auch viele Nicht-WienerInnen unterwegs sind. Woher sollen TouristInnen wissen, ob dieser ausgebleichte Streifen am Boden für FußgängerInnen ist oder nicht? Vor allem im Sommer hat man ständig Sollbruchstellen zwischen RadfahrerInnen und FußgängerInnen. Im Gegensatz dazu hat München einen klareren Umgang mit Radwegen. Hier merkt man als Fußgänger deutlich, wenn man auf einen Radweg steigt – durch eine andere Oberflächenbeschaffenheit und eine kleine Schwelle. Die Radwege sind dort auf jeden Fall auch immer 2 – 2,5 Meter breit. Von den vergleichbaren Großstädten tritt München da schon weitaus mutiger und konsequenter auf.

Verkehr muss ganzheitlich gedacht werden, so würde ich mir das auch von der Stadtpolitik wünschen. Wichtig finde ich es, einen Spirit in der Stadt zu schaffen, der Respekt und Bewusstsein  für alle VerkehrsteilnehmerInnen an den Tag legt. Wenn alle aufeinander schauen, ist Wien auch wirklich eine sichere Stadt.

ImPulsTanz-Fahrräder im Arsenal © Karolina Miernik

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, die ImPulsTanz-Fahrräder als offizielles Festival-Fortbewegungsmittel zu etablieren?

Das war im Jahr 2000. Seit 1984 gibt es das Impulstanzfestival, 15 Jahre lang waren wir mit unseren Workshops auf der Schmelz. Im Zuge einer Renovierung mussten wir uns ein neues Gebäude suchen und sind so auf das Arsenal gestoßen. Das Arsenal liegt öffentlich wirklich schlecht. Gleichzeitig ist in diesem Zeitraum Vienna Bike eingegangen, ein privater Verein, der damals die Citybikes betrieben hat. Die haben damals fast 200 Räder auktioniert. Da haben wir uns gedacht, dass wir unseren LehrerInnen und TeilnehmerInnen Räder anbieten wollen, damit sie die gefühlte Distanz zum Festival  besser überbrücken können. Zuerst haben wir 90 Räder bei der Auktion gekauft, die waren dann aber immer alle schnell weg. Die Leute haben das sehr gerne genutzt, weil es das sonst nie gibt bei einem Festival, ein Rad zur Verfügung zu haben. Und weil es auch eine andere Freiheit erlaubt, sich in einer Stadt zu bewegen. Die restlichen Räder haben wir dann auch noch gekauft und weitere dazugekauft. Jetzt haben wir insgesamt 240 Räder.

Eigentlich haben wir die Räder also aus der Sorge heraus besorgt, dass unsere TeilnehmerInnen und KünstlerInnen nicht gut zum Festival kommen. Lustigerweise sind in der öffentlichen Wahrnehmung die Fahrräder mittlerweile das, was WienerInnen am häufigsten mit Impulstanz assoziieren. Sie sind ein Wiedererkennungszeichen für Impulstanz geworden, und ein Sympathieträger. Vor allem die internationalen Gäste schätzen die Räder sehr. Ganzjährig werden wir immer wieder auf die Räder angeredet. Sie werden auch immer mehr ausgeborgt von Partnern, z.B. von Schauspielhaus oder Viennale.

Durch ihre ungewöhnliche Form und ihre Farbe fallen die Räder auch gut in der Stadt auf. Wir haben mit Diebstahl zum Glück wenig Probleme, auch wenn der Umgang mit den Rädern im Sommer manchmal etwas lax ist. Oft sind die Fahrräder zwar weg, aber wir finden sie meist wieder.

Fahrrad fahren bedeutet für Dich?

Urbane Unabhängigkeit. Abgesehen davon, dass man sich nicht über Stauphasen ärgern muss, bin ich auch gerne an der Luft, in direktem Kontakt mit Menschen und Architektur. Das finde ich schon klasse am Radfahren.

 

Das Wiener Tanz- und Performancefestival ImPulsTanz findet dieses Jahr von 15. Juli bis 15. August statt. Neben Performances gibt es auch ein umfangreiches Workshop-Programm. Fahrrad Wien unterstützt im Rahmen einer Kooperation den Betrieb der Festival-Räder. 

2 Kommentare

Franz Fahrrad sagte am 29.06.2021, 11:21:
Interessantes Interview und auch gut, dass kritische Statements zur Wiener Radpolitik veröffentlicht werden!
Antworten
Peter Scheibenreiter sagte am 05.07.2021, 22:59:
Hallo Alle! Dem Gedanken der Mutlosigkeit der Verkehrspolitik muss ich leider zustimmen. Von uns Radfahreren wird mehr Mut erwartet, dass wir uns überhaupt auf einem Drahtesel in das Verkehrsgewühl stürzen. Mein Hauptanliegen ist aber der Gedanke von "Spirit, Respekt und Bewusstsein". Meine Erfahrung mit Autofahrern lehrt mich, dass viel uns Radfahrern quasi die Daseinsberechtigung absprechen. Ich meine v.a. die Frage des Abstand-Haltens. Wenn ich einer 30er-Zone 20 fahre und mit 30cm Abstand überholt werde, wenn ich genötigt werde, den Sicherheitsabstand zu parkenden Autos zu unterschreiten, dann FÜHLE ich mich nicht gefährdet, dann weiß ich, dass ich gefährdet BIN! Diesbezüglich sollte viel mehr Bewusstseinsarbeit geleistet werden!
Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.